Prozessrecht: Die symbolische Taubheit der Gerichte und der prozessuale Ausnahmezustand – Murillo Gutier

Die symbolische Taubheit der Gerichte und der prozessuale Ausnahmezustand

Kritik am Dezisionismus bei der systematischen Abweisung der Erläuterungsbeschwerde (Embargos de Declaração)

Prof. Murillo Gutier
E-mail: murillo@gutier.adv.br


Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit befasst sich kritisch mit einer institutionellen Pathologie des brasilianischen Prozessrechts: der systematischen Zurückweisung der Erläuterungsbeschwerde (embargos de declaração) durch standardisierte, pauschale Formeln, ohne den konkreten Beschwerdeinhalt zu prüfen. Diese Praxis – die sogenannte defensive Rechtsprechung (jurisprudência defensiva) – entleert das Institut seiner verfassungsrechtlichen Funktion und schafft eine Diskrepanz zwischen formellem Recht und realer Justizpraxis.

Die Analyse erfolgt durch drei einander ergänzende theoretische Register: die symbolische Gewalt (Slavoj Žižek), die es erlaubt, eine institutionelle Taubheit vor jeder sichtbaren Aggression zu identifizieren; der Ausnahmezustand (Giorgio Agamben), der die Suspendierung der prozessualen Norm ohne deren formelle Aufhebung beschreibt; und der Dezisionismus (Carl Schmitt), der die Haltung des Richters erhellt, der a priori, ohne die argumentative Last der Norm, entscheidet.

Die Arbeit untersucht dabei die kognitive Asymmetrie zwischen Anwalt und Richter, das Trugbild der Entbehrlichkeit umfassender Prüfung, die dreifache Verletzung des rechtlichen Gehörs, die Phantomentscheidungen, den schmittschen Dezisionismus in der prozessualen Souveränität des Richters sowie die systemischen Wirkungen der Entwertung der Erläuterungsbeschwerde. Abschließend werden konkrete Vorschläge zur Requalifizierung des Instituts formuliert.

Schlüsselwörter: Erläuterungsbeschwerde – Symbolische Taubheit – Prozessualer Ausnahmezustand – Dezisionismus – Defensive Rechtsprechung – Symbolische Gewalt – Begründungspflicht – Rechtliches Gehör


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Richterlicher Aktivismus und Juristokratie: Die Entscheidung Barrosos zur Abtreibung als Paradigma selbstbegründeter Macht – Murillo Gutier

Murillo Gutier | murillo@gutier.adv.br


Zusammenfassung

Der vorliegende Artikel untersucht die Phänomene des richterlichen Aktivismus, der Juristokratie und der Ministrokratie ausgehend vom Abschiedsvotum des Richters Luís Roberto Barroso zugunsten der Entkriminalisierung der Abtreibung bis zur zwölften Schwangerschaftswoche. Es wird die These vertreten, dass diese Stellungnahme die typische gegenmehrheitliche Funktion der Verfassungskontrolle überschreitet und individuelle Wertpräferenzen in normative Maßstäbe überführt.

Die Studie analysiert die angewandte Entscheidungsmethode und zeigt den Rückgriff auf außerrechtliche Faktoren — Weltanschauung, persönliche Werte und individuelles Gerechtigkeitsempfinden — anstelle von Gründen, die aus dem Verfassungstext oder der geltenden Gesetzgebung abgeleitet werden. Untersucht wird ferner die Unterdrückung der demokratischen Debatte im Parlament, die Verletzung des Prinzips der Gewaltenteilung und der Bruch der Legalität als Grenzen der richterlichen Funktion.

Die Analyse wird im Lichte der Theorie der selbstbegründeten Macht von Byung-Chul Han vertieft, die in dieser Form der Machtausübung eine selbstreferentielle Logik identifiziert, die von institutioneller Legitimität abgekoppelt ist. Schließlich wird eine Reflexion über die Rolle des Supremo Tribunal Federal als gegenmehrheitliche Institution und die Risiken seiner Verwandlung in eine souveräne Instanz normativer Produktion vorgeschlagen.

Schlüsselwörter: Richterlicher Aktivismus; Juristokratie; Ministrokratie; Gewaltenteilung; Dezisionismus; Selbstbegründete Macht.


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