Prozessrecht: Die symbolische Taubheit der Gerichte und der prozessuale Ausnahmezustand – Murillo Gutier

Die symbolische Taubheit der Gerichte und der prozessuale Ausnahmezustand

Kritik am Dezisionismus bei der systematischen Abweisung der Erläuterungsbeschwerde (Embargos de Declaração)

Prof. Murillo Gutier
E-mail: murillo@gutier.adv.br


Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit befasst sich kritisch mit einer institutionellen Pathologie des brasilianischen Prozessrechts: der systematischen Zurückweisung der Erläuterungsbeschwerde (embargos de declaração) durch standardisierte, pauschale Formeln, ohne den konkreten Beschwerdeinhalt zu prüfen. Diese Praxis – die sogenannte defensive Rechtsprechung (jurisprudência defensiva) – entleert das Institut seiner verfassungsrechtlichen Funktion und schafft eine Diskrepanz zwischen formellem Recht und realer Justizpraxis.

Die Analyse erfolgt durch drei einander ergänzende theoretische Register: die symbolische Gewalt (Slavoj Žižek), die es erlaubt, eine institutionelle Taubheit vor jeder sichtbaren Aggression zu identifizieren; der Ausnahmezustand (Giorgio Agamben), der die Suspendierung der prozessualen Norm ohne deren formelle Aufhebung beschreibt; und der Dezisionismus (Carl Schmitt), der die Haltung des Richters erhellt, der a priori, ohne die argumentative Last der Norm, entscheidet.

Die Arbeit untersucht dabei die kognitive Asymmetrie zwischen Anwalt und Richter, das Trugbild der Entbehrlichkeit umfassender Prüfung, die dreifache Verletzung des rechtlichen Gehörs, die Phantomentscheidungen, den schmittschen Dezisionismus in der prozessualen Souveränität des Richters sowie die systemischen Wirkungen der Entwertung der Erläuterungsbeschwerde. Abschließend werden konkrete Vorschläge zur Requalifizierung des Instituts formuliert.

Schlüsselwörter: Erläuterungsbeschwerde – Symbolische Taubheit – Prozessualer Ausnahmezustand – Dezisionismus – Defensive Rechtsprechung – Symbolische Gewalt – Begründungspflicht – Rechtliches Gehör


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Zwischen dem Leuchtturm und dem Labyrinth: Autonomia privada e planejamento de incapacidade no Direito Civil – Murillo Gutier

Zwischen dem Leuchtturm und dem Labyrinth

Übergeordnete Gerichte als Oberste Gerichtshöfe und die Paradoxien des Präzedenzfallmodells im brasilianischen Recht

Murillo Gutier | murillo@gutier.adv.br


Zusammenfassung

Dieser Artikel analysiert das von Daniel Mitidiero, Luiz Guilherme Marinoni und Hermes Zaneti Jr. vorgeschlagene Modell der Obersten Gerichtshöfe im Kontext des brasilianischen Prozessrechts und identifiziert sechs innere Paradoxien, die seine Tragfähigkeit im Lichte der Bundesverfassung von 1988 gefährden. Unter Rückgriff auf die philosophische Analyse von Eduardo José da Fonseca Costa und die demokratische Prozesstheorie von Rosemiro Pereira Leal werden die Widersprüche zwischen dem Anspruch auf ein transzendentales Interpretationsmonopol und der verfassungsrechtlichen Funktion der übergeordneten Gerichte als Rechtsmittelgerichte herausgearbeitet. Die Studie untersucht ferner das Fehlen der notwendigen kulturellen und hermeneutischen Grundlage für ein System verbindlicher Präzedenzfälle in Brasilien und schlägt vor, dass eine genuinbrasilianische Theorie der Präzedenzfälle auf der demokratischen Legitimität, dem fairen Verfahren und der konstitutionell garantierten Beteiligung der Verfahrensparteien aufgebaut werden muss.

Schlüsselwörter: Präzedenzfälle. Oberste Gerichtshöfe. Demokratischer Rechtsstaat. Zivilprozessordnung von 2015. Bundesverfassung von 1988. Brasilianisches Prozessrecht. Rechtsprechungsdispersion. Hermeneutik. Demokratische Legitimität.


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